Reinhard Scheibner: This sheepish look on peoples faces when they fall in love [Deutsche]

Interview: Erman Akçay

Willst du mit deiner Kunst etwas aussagen oder stellst du nur deine Fantasien dar?

Sowohl als auch, letztlich ist jedes Kunstwerk ein Werk der Fantasie, der Imagination.  Aber  bloße Fantasien sind sie dennoch nicht, da fliesen allerlei Beobachtungen mit ein, Überlegungen zum Inhalt,  zur Form, Intuitives, Gefühltes auch Körperliches. Ich zeichne meistens mit der rechten Hand, manchmal aber auch mit links, den Füßen oder mit geschlossenen Augen.  Dann wieder recherchiere ich vorher erst einmal gründlich, wie bei der Serie von Radierungen über die dunkleren Seiten unserer jüngeren  Vergangenheit. Das jeweilige Verhältnis kann ich nur am einzelnen Bild aufdröseln, sonst bleibt es hier bei Allgemeinplätzen. Im Laufe der Jahre habe ich ja viele verschiedene Sujets gemalt, unterschiedliche Themen, Genres und nach unterschiedlichen Methoden gearbeitet. Darunter sind einige reine Fantasiestücke, aber meist  gibt es einen Bezug zur Wirklichkeit. Schließlich sind auch unsere Fantasien wirklich, drängen zur Verwirklichung. Aber das ich  vorher schon exakt weiß was ich wie darstelle kommt  selten vor. Das wäre auch reizlos, das Bild muss zu erst einmal mich selbst überraschen, sonst stimmt etwas nicht damit.

Du hast schon merkwürdige Zeichnungen, besonders deine Frauen mit Penissen sind schwer zu verstehen. Ist das eine persönliche Fantasie oder soll es die Ermächtigung der Frau symbolisieren indem du ihr einen Schwanz anhängst?

Nein das soll kein Beitrag zur Gleichstellung der Geschlechter sein oder die späte Erfüllung des Freudschen Penisneids. Die Figur des Hermaphroditen gibt es ja schon lange im Mythos und  so auch der Kunst.  Im Internet findet man heutzutage als eine zeitgemäße Variante derselben Idee jede Menge Fotos und Filme von Shemales und Ladyboys.

Obwohl, einmal gestand mir eine Frau, die ich damals sehr begehrte, dass sie gerne einen Schwanz hätte. Also erbot ich mich sie mit einem solchen zu malen. Das tat ich dann auch. Aber so richtig  begann ich damit erst, als ich mit Mitte 50, gelangweilt von meinem immer gleichen alten Selbst, beschloss die Wechseljahre zu nutzen und ein zweites Leben als Mädchen zu beginnen.  Nur auf mein wertvollstes Teil verzichten wollte ich dabei doch nicht.  Erst  machte ich nur ein paar Fotos und und Videos von ihr, ganz schlicht und trashig, nur zu meiner Unterhaltung. Entwarf dann in schlechtem Englisch eine kurze Biografie für das Mädchen, um so vielleicht  ein „Second Live“ auch im Internet zu beginnen. Als ich 2011  vom „Museum of Porn in Art“ in Zürich für eine Ausstellung eingeladen wurde begann ich dafür die Geschichten der beiden in einer Serie von Tuschezeichnungen zu illustrieren.  Anders als ich hat das Mädel sogar eine Philosophie, hier ein kurzer Auszug:

“You may ask yourself how old is little Gina? Now let me tell you nobody knows this exactly, nobody needs to know this, because I will always be between thirteen and fifteen and discover sex for  the first time. Like Peter Pan, in fact you can see me as his older sister, I will never grow up. I don’t want to grow up; I have no interest in your grownup world, your awful grownup politics and affairs, all your stupid money grabbing business, I only want to fuck with grownups. Even so grownups do not allow other grownups to fuck little Gina. But that’s just another one of your silly problems. I don’t  need to be protected. You may need to be protected from me.

Nooo, that’s not true, I am not evil, I am all sweet and nice. You may need protection from your laws and desires, but not from little Gina. I want you to have a good time with me and as I said it before, I don’t mind how you look or what’s your age.

I am the sunny, the all-loving type, a real people pleaser, I want everybody to be happy with me. I don’t mean loving in the way most people, especially most other woman use it when they talk about love. Do you love me, will you always love me, why don’t you love me anymore… I don’t wont to have anything to do with this sentimental, possessive,  jealous kind of love. This is just a emotional disease to me. I talk of acceptance, affirmation; I don’t cling to anything, I hop from one person to another, from young to old to a mosquito. Yes, it is all the same for little Gina, I do not charge things or people. I enjoy you playing with my girl-cock and I get excited if a cued little mosquito sits on my gland and sucks blood from me girl-cock. I have never fallen in love and I hope I never will. I also don’t wont you or anyone else to fall in love with me. I get all annoyed when I see this sheepish look on peoples faces when they do. A good fuck is all I need and want.”

Ende 2011 begann ich an dem Buch „Horny“zu arbeiten und  schickte dafür die Göre erst einmal in das Berliner Nacktleben** zum recherchieren. Je mehr Wirklichkeit um so besser. Ich habe sie ja nicht als unbeteiligten Beobachter dort hingeschickt, sondern um etwas zu erleben von dem ich dann aus erster Hand berichten kann.

Erzähl mir etwas über Engelbert Kievernagel, ward ihr eng befreundet oder habt ihr euch nur für bestimmte Projekte getroffen?

Nein, wir waren nicht so eng befreundet, mich hat mehr seine Kunst und der Künstler interessiert, der Außenseiter. Zu Beginn hatte er mir auch ein paar Mal Modell gestanden. In seinem letzten Lebensjahr, als er wegen seiner Krebserkrankung seine Wohnung nicht mehr verlassen konnte oder wollte, habe ich ihn  öfters besucht und ein wenig nach ihm gesehen. Er hatte ja  keine Freunde, außer seiner Schwester die ihn pflegte. Seine Briefe an mich klingen vielleicht sehr persönlich, sogar intim, aber tatsächlich hat er sie so oder ähnlich an jeden geschrieben der auch nur entfernt dafür in Frage kam. Wenn er noch am Leben wäre würde er jetzt wohl auch an dich so schreiben. Für mich sind die Briefe Teil seiner Kunst, sonst hätte ich sie nicht veröffentlicht.

Vielleicht hätte er auch keine mehr geschrieben, denn inzwischen hat sich hier einiges verändert. Engelbert wurde seinerzeit noch von der berittenen Polizei  nackt durch den Wald gejagt, wenn er dort nackt spazieren ging, heute kann sich jedermann  nackt in irgend einem Park mitten in Berlin sonnen und kaum jemand stört sich noch daran. Dies ist eine der Segnungen die die Wiedervereinigung mit sich brachte, die ehemaligen Ostdeutschen, streng materialistisch erzogen, hatten keinerlei religiöse Hemmungen, sich in der Öffentlichkeit zu entkleiden. Auch ist die Szene heute bestens organisiert, es gibt kaum noch eine Fantasie die man nicht an irgend einem Ort in der Stadt mit gleichgesinnten ausleben kann.

Bist du eher ein sozialer Mensch oder lebst du in intellektueller Isolation?

Ja, manchmal fühlt  es sich so an. Ich neige dazu mich selbst zu isolieren. Die einen versuchen wie ein Balzacer Held mit ihrer Kunst die Welt zu erobern, ich ziehe mich lieber aus derselben in die Kunst zurück.

Ich war nie in Berlin, es ist bestimmt schön dort. Was würdest du über Berlin sagen?

„Schön“ würde ich nicht sagen, das ist kein Wort welches ich benutzen würde um Berlin zu beschreiben, schon gar nicht in den langen kalten und nassen Wintermonaten. Selbst die Sommer sind ja oft genug noch nass und kalt. Aber es gibt so viele verschiedene Berlin, da müsstest du schon genauer fragen was du wissen willst.

Was machst du noch außer malen?

Im Sommer faulenze ich gerne in der Sonne, wenn sie denn einmal scheint; schwimme in den Seen in und um Berlin, lese, skizziere, fotografiere und filme ein bisschen oder ich gehe Nachts aus und besaufe mich dann meist.

In deinem Brief sprichst du von Klaus Theuerkauf und endart, einem Kunstkollektiv aus den 80er Jahren. Ich übersetzte den Text ‘Food Exhbition endart’ aus dem zweiten Heft des Mollusk Magazin ins Türkische, ich wusste nicht das es auch eine Galerie gleichen Namens gab. An welchen Aktionen hast du dich beteiligt und was machen sie heute?

Das Künstlerkollektiv hat sich 1980 oder 81 gegründet und eine  große Ladenwohnung in Kreuzberg gemietet. In den hinteren Räumen haben sie zusammen gearbeitet, vorne im Laden ihre Arbeiten ausgestellt. Der Erfolg, weit über Berlin hinaus, kam dann sehr schnell. 1988 haben sie sich als Gruppe schon wieder aufgelöst. Einige machen weiter Kunst, andere gingen danach in andere Berufe. Ich kannte und schätzte ihre Arbeit, war aber nie Teil der Gruppe, persönlich lernte ich  sie überhaupt erst in den 90 er Jahren kennen. Anfang der 90 er Jahre begann  Klaus Theuerkauf  auch befreundete Künstler auszustellen oder Künstler deren Arbeiten ihn überzeugten. Ich hatte von 1994 bis 2005 an etlichen Gruppenausstellungen teilgenommen und  auch ein paar Einzelausstellungen dort  gemacht. Eine Galerie im gewöhnlichen Sinne war es nie, dazu ist er zu sehr Künstler und Chaot, kein Geschäftsmann zu unserem Leidwesen. Aber es war ein dennoch ein guter Ort, auch um andere Künstler zu treffen die in eine vergleichbare Richtung arbeiten. Heute ist der Laden meist geschlossen und zeigt wieder nur endart Arbeiten. Am Samstagnachmittag kommt dort das Oberkreuzberger Nasenflötenorchester, der Grindchor, zusammen zum üben. Dabei fliest immer auch viel Bier.

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